LutherLAB – Aus Reallabor zu Urbaner Produktion wird ein Verein

Kerstin Meyer,
Sophia Schambelon

Westfälische Hochschule
Gelsenkirchen
Institut Arbeit und Technik

Bei der Methode der Reallabore wirkt Forschung aktiv bei gesellschaftlichen Transformationsprozessen mit, setzt Impulse, etabliert Netzwerke mit Praxisakteuren und untersucht deren Wirkung. Der Beitrag veranschaulicht die Vorgehensweise anhand des Beispielprojekts UrbaneProduktion.Ruhr.

Reallabore werden vermehrt als Methodik der transformativen Forschung in verschiedenen Projekten [1] angewandt. Ziel von Reallaboren ist es, mithilfe von Co-Design, Co-Produktion und Co-Evaluation unterschiedlicher Akteure wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen und nachhaltig in die Praxis umzusetzen (Schneidewind et al. 2018, S. 13). Unter anderem werden innerhalb und in Folge von Reallaboren Prozesse angestoßen, Strukturen aufgebaut oder Akteure befähigt, sich selber zu organisieren. Beispielhaft für so eine Umsetzung wird im Folgenden das LutherLAB vorgestellt, das im Rahmen des Verbundvorhabens »Pro Urban – Produktion zurück in die Stadt?« bzw. UrbaneProduktion.ruhr durch das Institut Arbeit und Technik, die Hochschule Bochum, die Urbanisten aus Dortmund sowie die Stadt Bochum – v. a. Amt für Wohnen und Stadtentwicklung sowie Wirtschaftsentwicklung – von Oktober 2016 bis September 2019 in Bochum durchgeführt wurde.


Reallabore sollen dazu dienen, wissenschaftliche Konzepte aus den Elfenbeintürmen herauszuholen und direkt mit der Praxis so weiterzuentwickeln, dass eine Umsetzung möglich und übertragbar ist.

Die Methode des Reallabors ist relativ neu und wird seit 2015 in Projekten in Baden- Württemberg eingesetzt und derzeit vermehrt in Projekten auf Bundesebene weiterentwickelt. Reallabore bauen dabei auf der Partizipativen Aktionsforschung nach Walter (2009) (s. Abbildung 1) auf. Demnach ist es notwendig, ein Thema initiativ umzusetzen und anschließend zu beobachten, inwiefern es angenommen wurde und erfolgreich war. Nach der Evaluation wird die Planung auf die neuen Ergebnisse angepasst und weitere Aktionen umgesetzt, die wiederum beobachtet werden, bis sich letztendlich ein Status-Quo etabliert, mit dem alle verantwortlichen Parteien zufrieden sind.

Reallabore sollen dazu dienen, wissenschaftliche Konzepte aus den Elfenbeintürmen herauszuholen und direkt mit der Praxis so weiterzuentwickeln, dass eine Umsetzung möglich und übertragbar ist. Die kontinuierliche Reflexion der Aktionsforschung ist ein wesentlicher, aber nicht ausschließlicher Faktor dafür. Schäpke et al. (2018, S. 86) ergänzen den Ansatz durch weitere vier Charakteristika, die für das Erreichen des Ziels schlüssig sind: Beitrag zur transformativen Forschung im gesellschaftlichen Problemfeld, transdisziplinäre Forschung durch Praxisakteure und Wissenschaft, Experimente als methodische Grundlage sowie die langfristige und übertragbare Forschung. Anhand dieser Kriterien stellt der vorliegende Beitrag das Reallabor im Stadtteil Werne / Langendreer-Alter Bahnhof mit dem LutherLAB dar, welches als Instrument genutzt wurde, Urbane Produktion anzustoßen. Aus dem Forschungsinstrument »Reallabor« hat sich schließlich ein selbstständiger Verein entwickelt. Der Beitrag stellt ein Beispiel dafür vor, wie mit einem Forschungsprojekt die Akteure befähigt werden können, sich weiter zu organisieren, um die Thematik auch in Zukunft zu forcieren.

1. Beitrag zur Transformativen Forschung im gesellschaftlichen Problemfeld

Sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Praxis werden derzeit Chancen, Herausforderungen und Grenzen von Urbaner Produktion, also der Rückverlagerung und Erhaltung von Produktionsstätten in dicht besiedelten Gebieten, diskutiert (s. Beitrag von Schambelon et al. zu Urbane Produktion in dieser Publikation). Das Thema ist interdisziplinär relevant, da es sowohl Stadtentwicklung und Wirtschaft als auch ökologische und soziale Aspekte berührt. Beispielsweise wird in Städten wie Wuppertal (Brandt et al. 2017, S. 126 ff.), Berlin (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin) und Wien (Fachkonzept Produktive Stadt 2017) derzeit vermehrt nach Lösungen gesucht, wie Produktionsflächen vor Verdrängung durch das rentierlichere Wohnen geschützt werden können. Andererseits gibt es auch einzelne Unternehmen, die wieder gezielt die Stadt als Produktionsort aufsuchen, um dort die notwendigen Fachkräfte für ihr Unternehmen zu finden, ihren Absatzmarkt vor Ort haben, lokale Ressourcen verwenden, neue Technologien zur emissionsarmen Produktion nutzen oder durch eine »gläserne Produktion« die Wertschätzung und das Wissen ggü. Produkten durch Workshops oder Führungen in der Stadtbevölkerung erhöhen wollen.

In Großstädten lässt sich derzeit außerdem der Trend beobachten, dass sich in ehemaligen Ladenlokalen vermehrt kleine Manufakturen ansiedeln. Dies geht mit möglichen positiven Auswirkungen auf die nachhaltige Stadtentwicklung einher, so dass z. B. Güter im Sinne der Stadt der kurzen Wege wieder lokal produziert werden und damit vor Ort Arbeitsplätze entstehen. Im Gegensatz dazu lässt sich diese Entwicklung im Ruhrgebiet nur an wenigen Orten, z. B. in Dortmund-Hörde (Brandt et al. 2017: S. 118) beobachten.

In diesem Kontext war es Ziel des Forschungsvorhabens »UrbaneProduktion. ruhr« zu untersuchen, inwiefern Produktionsunternehmen zur Revitalisierung leerstandbelasteter Stadtteile beitragen und neue Arbeitsplätze schaffen können. Hierfür wurden Reallabore in den Bochumer »Soziale Stadt“-Gebieten Werne / Langendreer-Alter Bahnhof (kurz: WLAB; Reallabor: LutherLAB) und Wattenscheid (kurz: WAT; Reallabor WatCraft) durchgeführt. Der Fokus des Verbundprojekts wurde gezielt auf zwei strukturschwache Stadtteile gelegt, da hier besondere Herausforderungen bzgl. Gewerbeleerstand, mangelnder Funktionalität und städtebaulicher Qualität sowie hoher Arbeitslosigkeit liegen. Dadurch stellt sich gerade hier die Frage, inwiefern kleine Produktionsbetriebe eine Möglichkeit bieten, lokale Einfacharbeitsplätze zu schaffen. Die Antwort wird durch die transdisziplinäre Forschung gesucht.

2. Transdisziplinäre Forschung durch Praxisakteure und Wissenschaft

Im Kern des Projekts »UrbaneProduktion. ruhr« liegt der Co-Design-Prozess zwischen Wissenschaft (IAT, Hochschule Bochum) und Praxis (Stadt Bochum, Wirtschaftsentwicklung Bochum, die Urbanisten). Im ersten Schritt wurde innerhalb von Workshops und Austausch ein gemeinsames Begriffsverständnis für Urbane Produktion geschaffen. Anhand verschiedener Fallstudien wurde ein Katalog mit relevanten Maßnahmen zusammengestellt, aus dem ein Konzept zur Förderung Urbaner Produktion in Bochum und den Reallaboren entwickelt und später umgesetzt wurde.

Parallel zum Co-Design-Prozess wurden die beiden Stadtteile, in denen die Reallabore stattfinden sollten, analysiert. Die Analyse bestand hauptsächlich aus fünf Methoden: Desktoprecherche, Daten- und Medienanalyse, qualitative Interviews mit lokalen und themenbezogenen Stakeholdern, Ortsbegehung und Kartierungen.

Während die ersten Analysen in Federführung der wissenschaftlichen Partner lagen, unterstützten die Praxispartner die Identifizierung von geeigneten Immobilien für ein erstes »Produktionslabor«. In beiden Quartieren wurde nach einer gemeinsamen Ortsbegehung – organisiert von den jeweiligen VertreterInnen des Amtes für Wohnen und Stadtentwicklung sowie Quartiersmanagement – mit einer Kartierung von Gewerbeleerstand, Brachflächen und bestehenden Produktionsbetrieben begonnen.

Parallel dazu wurde großer Wert auf die Aktivierung von Akteuren gesetzt. Interviews mit Multiplikatoren aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor Ort wurden durchgeführt, um ein differenziertes Bild der Stadtteile zu erhalten, lokale Stärken und Herausforderungen zu erkennen und spezifische Handlungsbedarfe abzuleiten. Diese Kontakte wurden zudem genutzt, um für das Thema Urbane Produktion zu sensibilisieren und mögliche KooperationspartnerInnen für gemeinsame Aktionen zu gewinnen. Die Ansprache einzelner Akteure wurde durch breite Öffentlichkeitsarbeit begleitet. So nahm das Team mit einem Stand an den Stadtteilfesten »Bänke Raus« in WLAB und bei der »WAT 600 Jahrfeier« teil, um Interessen und Bedarfe der BewohnerInnen zu erörtern und auch hier engagierte Personen kennenzulernen. Außerdem wurden Gründungsmessen und -veranstaltungen besucht, um GründerInnen aus dem produktiven Bereich zu finden, die sich möglicherweise in den Reallaboren ansiedeln würden.

Das LutherLAB sollte Personen mit unterschiedlichen Hintergründen und Fähigkeiten zusammenbringen, um neue Netzwerke zu schaffen. Daneben galt das Motto ›Räume beleben und neue Prozesse gestalten‹.

Ausschlaggebend für das Reallabor »LutherLAB « in WLAB war die weitere transdisziplinäre Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren, die in Abbildung 2 noch einmal veranschaulicht wird.

Initiator des LutherLABs war das Amt für Wohnen und Stadtentwicklung der Stadt Bochum, welches auf die lange leerstehende Kirche und deren strategisch gelegenen Standort hingewiesen und zur Eigentümerin – der Evangelischen Kirchengemeinde Langendreer – vermittelt hat. Diese war nach einem ersten Ortsbesuch des Projekts im Gebäude bereit, dem Forschungsprojekt die Immobilie für fünf Wochen kostenlos zur Verfügung zu stellen und erlaubte die Kirchenbänke auszulagern. Auch die Zusammenarbeit mit den Genehmigungsbehörden innerhalb der Stadt verlief exemplarisch.

Neben der evangelischen Kirchengemeinde wurden für das »Festival der urbanen Produktion« (siehe Abbildung 2) weitere lokale PartnerInnen gesucht, die gemeinsam mit dem Forschungsprojekt das Gebäude bespielten. Als wichtigste Projektpartner stellten sich schnell das soziokulturelle Zentrum Bahnhof Langendreer, das lokale Stadtteilmanagement WLAB sowie die Werbegemeinschaft Alter Bahnhof und »Langendreer hat’s« heraus, da diese Akteure bereits seit langem vor Ort verankert sind und so als wichtige Multiplikatoren galten, wodurch weitere Initiativen oder Unternehmen angesprochen und mit eingebunden werden konnten. Dank der breiten Akteurskonstellation und Vernetzung war es möglich die geplanten Maßnahmen erfolgreich umzusetzen.

3. Kontinuierliche Reflexion

Eine kontinuierliche Reflexion der Aktionen und Methoden ermöglicht es, bei Bedarf diese besser an die experimentellen Gegebenheiten anzupassen. In beiden Reallaboren des Projekts (WLAB und WAT) wurden entsprechend der Situation vor Ort unterschiedliche Methoden (wie Interviews, teilnehmende Beobachtung, Vorträge, Workshops) angewandt, Maßnahmen durchgeführt (Zwischennutzung, Aktionen im öffentlichen Raum) und falls nötig, während des Prozesses modifiziert. Konkrete Beispiele für die notwendige und erfolgreiche Anpassung stellen anschließend die inhaltliche Ausrichtung der Reallabore, die zeitliche Organisation, das Marketing sowie die Forschungspraxis selbst dar. Zu Beginn war in den Reallaboren die gezielte Ansiedlung von Produktionsunternehmen geplant, um dabei GründerInnen zu unterstützen und gleichzeitig Hemmnisse und Nutzungskonflikte sowie Wirkung und Synergien im Quartier zu untersuchen. Jedoch stellte sich während des Recherche- und Akquiseprozesses heraus, dass ein Großteil der Gründungsinteressierten sich hauptsächlich mit Dienstleistungsangeboten beschäftigte. Im Produktionsbereich gibt es vergleichsweise wenige Gründungen, da der Kapitaleinsatz zu Beginn höher ist. Unter den wenigen identifizierten Gründungswilligen im Produktionsbereich hatten einige bereits eine Immobilie (in Aussicht) oder andere Standortwünsche. Zudem ist gerade in den beiden strukturschwachen Stadtteilen die Gründungsintensität eher schwach ausgeprägt, was mitunter am Bevölkerungsmilieu und einer geringen Kaufkraft liegt. Aufgrund dieser Hürden wandelte sich der Fokus der inhaltlichen Ausrichtung während des Prozesses. Anstelle des zwanghaften Versuchs, neue urban produzierende Unternehmen anzusiedeln, wurde der Fokus auf das »Selbermachen« von Produkten gelegt. Somit konnte den BewohnerInnen im Stadtteil gezeigt werden, wie Produkte selbst günstig hergestellt werden können. Gleichzeitig wurde Know-how zu Gründungen vermittelt und eine erhöhte Wertschätzung ggü. Produkten hervorgerufen. Parallel dazu wurde im Rahmen des Gründungswettbewerbs der Wirtschaftsentwicklung Bochum »Senkrechtstarter« der »Sonderpreis Urbane Produktion« eingerichtet, um die Gründungsintensität im produzierenden Bereich sowie das Interesse am Thema zu erhöhen.

Da in Bochum Langendreer schnell interessierte Akteure zur gemeinsamen Umsetzung und eine passende Immobilie für eine Zwischennutzung gefunden werden konnten, wurde das erste Reallabor dort umgesetzt, und nicht wie ursprünglich im Zeitplan angedacht in Wattenscheid, wo sich die lokalen Akteure zunächst wenig unter der Thematik und dem Vorhaben vorstellen konnten. Mit dem bereits etablierten LutherLAB und durch weitere Gespräche konnte anschließend auch in Wattenscheid eine Immobilie gefunden werden, um das Reallabor WatCraft [2] durchzuführen.

Da es sich bei den Reallaboren um temporäre Aktionen handelte, war es wichtig diese möglichst zielgerichtet und v. a. im Stadtteil für die breite Bevölkerung zu bewerben, sodass viele unterschiedliche und interessierte Menschen für die Veranstaltungen gewonnen werden konnten. Beim Marketing wurde zunächst eine Onlinekampagne in der Form von eigener Homepage und Facebook-Auftritt angedacht. Ergänzend wurden Plakate in den lokalen Geschäften und sozialen Einrichtungen aufgehängt und Flyer lokal im Quartier an hoch frequentierten Stellen ausgelegt. Im Prozess stellte sich heraus, dass viele Menschen ihre Informationen von lokalen Medien wie der Zeitung, Stadtspiegel oder Infoblättern entnehmen. So wurde folgend vermehrt Werbung für das Projekt über diese Medien geschaltet. Auch Soziale Medien wie Instagram und Nebenan.de schienen in dem Zeitraum einen größeren Zuspruch erhalten zu haben, weshalb auch diese Medien bespielt wurden.

Die grundsätzliche Reflektion der Aktionen, sowie die Vorerfahrungen der TeilnehmerInnen zum Thema Urbane Produktion wurde zunächst anhand von Fragebögen bei den Veranstaltungen erfasst. Es stellte sich schnell heraus, dass die Forschungsmethode »Fragebogen « unattraktiv für die BesucherInnen erschien, weshalb auch die Forschungspraxis geändert wurde. Vermehrt fand weiterhin teilnehmende Beobachtung statt, die durch »Tagesabschlussprotokolle « bereichert wurden.

Solche Anpassungen unterstreichen die Notwendigkeit mit gewisser Flexibilität in der Methode »Reallabor« einzusteigen. Die Offenheit und Anpassungsvermögen des Teams spielen eine wichtige Rolle für die Erreichung der gesetzten Ziele und Durchführung der geplanten Experimente.

Abbildung 3: Festival der Urbanen Produktion – Das LutherLAB als offene Werkstatt (Quelle: Luisa Gehen, die Urbanisten e. V.)
Abbildung 3: Festival der Urbanen Produktion – Das LutherLAB als offene Werkstatt (Quelle: Luisa Gehen, die Urbanisten e. V.)

4. Experimente als methodische Grundlage

Ein Wunsch des Forschungsprojekts war es, dass sich Menschen kennenlernen, die sich im Alltag des Stadtteils kaum begegnen. Das LutherLAB sollte Personen mit unterschiedlichen Hintergründen und Fähigkeiten zusammenbringen, um neue Netzwerke zu schaffen. Daneben galt das Motto ›Räume beleben und neue Prozesse gestalten‘. Das Forschungsprojekt versuchte experimentell aus den gegebenen Ressourcen zu schöpfen und gemeinschaftlich kreativ damit umzugehen. Das Experiment als eine wissenschaftliche Methode wird von Schäpke et al. (2018, S. 87) als der aktive Eingriff ins Geschehen beschrieben, um empirische Erkenntnisse zu erlangen. Da die Settings in Reallaboren kaum kontrollierbar und die Ergebnisse dadurch situationsabhängig sind, bestehen Schwierigkeiten bei der direkten Übertragbarkeit der Experimente. Dennoch ist die experimentelle Herangehensweise gerade für die transformative Forschung interessant, um – im Gegensatz zu rein beobachtender Wissenschaft – Impulse zu setzen und in Aktion und Reaktion mit den Akteuren Wissen zu generieren. Dieses Wissen wird in Form von Erfahrungswerten in die unterschiedlichen Sektoren zurückgespiegelt und erzeugt bei den Beteiligten Lerneffekte (Bunse / Meyer 2018b).

Die wichtigsten Ressourcen im Forschungsvorhaben waren die leerstehenden Immobilien, die den Kern der Reallabore bildeten. Seitens der Stadt Bochum wurden zwei leerstehende Schlüsselimmobilien im Stadtteil Langendreer-Alter Bahnhof benannt: eine ehemalige Volksschule und eine seit 2012 leerstehende und entwidmete Kirche. Aufgrund von Beschädigungen durch Vandalismus, Asbestbelastung und einer schlechten Erreichbarkeit wurde die Schule ausgeschlossen. Gründe, die für die Wahl der Kirche sprachen, sind die imposante Architektur des Gebäudes sowie insbesondere die evangelische Kirchengemeinde als Eigentümerin, die sehr aufgeschlossen gegenüber einer Zwischennutzung durch UrbaneProduktion. ruhr war und ist. Bei der Recherche nach Urbanen Manufakturen und Gründungsinteressierten im Ruhrgebiet stießen die Forschenden auf diverse Personen und Kleinunternehmen, die bereits Workshops anbieten oder den Schritt zur Gründung mit Fokus auf Herstellung von Produkten gehen wollten. Diesen Personen wurde während eines fünfwöchigen ›Festivals der Urbanen Produktion‹ die Möglichkeit gegeben Workshops (u.a. Bier brauen, Aquaponikanlagen oder Möbel bauen, Pilze züchten, 3D Druck) anzubieten, sich dadurch zu professionalisieren und möglichst viele Menschen im Stadtteil zu erreichen und für die Produktion zu begeistern (s. Abbildung 3). Um die Teilnahme möglichst vielen Interessierten zu ermöglichen, fanden die Workshops überwiegend samstags statt. In Kooperation mit dem soziokulturellen Zentrum Bahnhof Langendreer, dem Stadtteilmanagement und der Werbegemeinschaft »Langendreer hat’s« wurde dazu ein Rahmenprogramm entwickelt, um fast täglich Veranstaltungen vor Ort anzubieten und das Gebäude für die fünf Wochen zugänglich zu machen. Unter den Angeboten waren z. B. Café-Zeiten mit Kaffee und Kuchen, Co-Working, Kultur- und Diskussionsveranstaltungen zu neuer Arbeit, offene Werkstätten und Abende zu Unternehmensgründungen. Des Weiteren wurde in einem mehrwöchigen Workshop ein Lastenfahrrad von lokalen Fahrradbauern in Kooperation entwickelt und gebaut, wozu parallel eine Fahrradwerkstatt an zwei Samstagen stattfand. Gezielt wurden mehrere Workshops und Veranstaltungen parallel geplant und durchgeführt, um eine mögliche multifunktionale Nutzung im Kirchenschiff zu testen. Die vielfältigen Erfahrungen aus dem Festival sind in die Entwicklung eines langfristigen Nutzungskonzepts eingeflossen.

5. Langfristige und übertragbare Forschung: Vom Forschungsprojekt zum Verein

Abbildung 3: Festival der Urbanen Produktion – Das LutherLAB als offene Werkstatt (Quelle: Luisa Gehen, die Urbanisten e. V.)

Zur Verstetigung des Reallabors fanden bereits innerhalb der fünfwöchigen Zwischennutzung im Herbst 2017 zwei Workshops zur Nachnutzung der Lutherkirche statt, um mit BürgerInnen gemeinsam Visionen und Ideen dafür zu sammeln. Über weitere acht Monate hinweg trafen sich regelmäßig BürgerInnen mit den Mitgliedern des Forschungsprojekts, um weitere Aktivitäten im LutherLAB zu etablieren, woraus sich im Juni 2018 ein Verein bestehend aus BürgerInnen, evangelischer Kirchengemeinde und MitarbeiterInnen des Forschungsprojekts gründete. Angestoßen durch die Zwischennutzung des Forschungsprojekts, soll das LutherLAB [3] zu einer offenen Werkstatt mit Urbanen Produktionsbetrieben, Gastronomie und einem Begegnungsraum werden (vgl. Bunse / Meyer 2018a&b).

Nachdem das Grundgerüst des Vereins (Gemeinnützigkeit, Eintragung beim Amtsgericht, Einrichtung eines Bankkontos, Abschließung von Versicherungen, etc.) stand, wurden offene Plena eingerichtet, die sich regelmäßig treffen um aktuelle Anfragen, Stand innerhalb der Arbeitsgruppen (Koch-, Siebdruck-, Nähwerkstatt, Energie und Gebäude) und weitere Aktionen wie z. B. das Stadtteiltheater abzustimmen. Um den Verein zu professionalisieren und die Verstetigung weiter voranzutreiben wurde Kontakt zu Initiative ergreifen [4] aufgenommen, die einerseits eine / n ModeratorIn mit Erfahrungswerten für lokale Initiativen bereitstellen und die andererseits Zugang zu längerfristigen Fördermitteln bieten. Nachdem mit dem Verein der organisatorische Grundstein gelegt wurde, gilt es die Netzwerkstrukturen zu erweitern und perspektivisch eine bauliche und wirtschaftlich tragfähige Entwicklung des LutherLABs anzustreben, in dem Urbane Produktion weiterhin eine Rolle spielen wird (s. Abbildung 4).

6. Fazit

Zur Übersicht werden in Abbildung 5 die von Schäpke et al. (2018, S. 86) definierten fünf Charakteristika für Reallabore noch einmal veranschaulicht gezeigt und in der rechten Spalte durch die jeweiligen Aktionen der praktischen Umsetzung im Rahmen des Forschungsprojekts UrbaneProduktion.Ruhr knapp gegenüber gestellt [5]. Ziel des Forschungsprojektes war es, herauszufinden, inwiefern Produktion in strukturschwachen Stadtteilen angesiedelt werden kann und welche Effekte dies mit sich bringt. Bislang kann diese Frage durch das Reallabor in Werne / Langendreer- Alter Bahnhof noch nicht beantwortet werden, denn Produktionsunternehmen konnten aufgrund der Kürze der Zeit, fehlender Entrepreneure und schlechter Rahmenbedingungen wie zu hohe Mieten, zu kleine Leerstände oder zu schlechter Zustand dieser, nicht angesiedelt werden.

Reallabore eignen sich dennoch einen gesellschaftlichen Wandel und neue Prozesse in Quartieren anzustoßen. So diente das LutherLAB und die damit verbundene Bespielung der Lutherkirche der Sensibilisierung der Akteure für das Thema Urbane Produktion, ermöglichte neue Netzwerke und die nachfolgende Verstetigung durch den Verein. Generell kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass eine Zwischennutzung von fünf Wochen nicht jede / n Stakeholder und BürgerIn im Stadtteil erreicht. Allerdings wurde eine erste kritische Masse und Pioniergeister geweckt, die sich gemeinsam mit dem Forschungsprojekt auf die Reise der weiteren Entwicklung des Gebäudes und des Stadtteils begab. Ziel ist letztendlich die komplette Übergabe des Projekts an den Stadtteil bzw. Verein.

LutherLab Tabelle
Abbildung 5: Gegenüberstellung der Charakteristika von Reallaboren mit der praktischen Umsetzung im Projekt UrbaneProduktion.ruhr (Quelle: Schonlau, Meyer, Lindner 2019, S. 292)

Herausforderungen des Projekts bestanden darin, die Thematik gut zu vermitteln. Das interdisziplinäre Team hatte zwar bereits ein eigenes Verständnis von Urbaner Produktion erarbeitet und versucht, diese über Workshops zu übertragen. Die Vermittlung der Definition fiel schwer, wurde von den Gründungsmitgliedern des Vereins dann jedoch verinnerlicht und versucht in die Satzung mit einfließen zu lassen. Für die Zukunft wird sich die Frage stellen, inwiefern ein solch komplexes Projekt – v. a. durch das mitunter baufällige Gebäude – von rein ehrenamtlicher Tätigkeit gesteuert werden kann. Auch unterschiedliche Denkmuster und Generationen im Verein verlangen einerseits neue Kommunikationswege und eine gewisse Offenheit und bieten andererseits ein enormes Potential unterschiedlicher Erfahrungswerte. Vorteilhaft ist auch, dass die Stadt Bochum im Projekt eingebunden war und somit direkte Wege zu anderen Behörden vermittelt werden konnten. Insgesamt zeichnet sich das Projekt durch viele mutige Menschen aus, die sich gemeinsam auf den Weg ins Ungewisse begeben und dennoch ihre jeweiligen Expertisen mit einbringen, wodurch das gesamte Projekt langfristig zum Erfolg werden kann.

Im Falle des LutherLABs zeigt sich, dass in Reallaboren gesellschaftliche Prozesse angestoßen werden können, die durchaus langfristig in den Stadtteil wirken. Aufgrund des transdisziplinären Forschungsansatzes und des Co-Designs mit unterschiedlichen Akteuren war es aber schwierig und nicht sinnvoll, sich rein auf die Beantwortung der Forschungsfrage zu fokussieren, wenn die Akteure eigene Bedarfe mitbringen, die durchaus in das Projekt integriert werden konnten (z.B. Stadtteiltheater). Im Reallabor wurden die Rahmenbedingungen vor Ort aufgegriffen und die Strategie der Sensibilisierung für Urbane Produktion und des Selbermachens gewählt, um die Stakeholder aufzuklären und mögliche ansiedlungswillige Unternehmen zu identifizieren. Weiter konnten die Hürden analysiert werden, die es erschweren, produzierende Unternehmen im Stadtteil anzusiedeln. Diese Erkenntnisse werden im weiteren Verlauf des Projektes genutzt, um neue Maßnahmen zu entwickeln. Dies entspricht der Vorgehensweise des Reallabor-Ansatzes, zeigt aber auch, dass diese Forschungsmethode vor allem dann sinnvoll ist, wenn sie längerfristig angelegt wird. Denn sowohl die Aktivierung, Sensibilisierung und Beteiligung von Akteuren, aber auch die Beforschung durch den iterativen Kreislauf von Erkenntnis, Reflexion und Aktion kosten Zeit und Ausdauer und müssen einem solchen Ansatz zugestanden werden.

Weitere Informationen  www.lutherlab.de


[1] U. a. Bottrop 2018+, DoNaPart, Migrants4Cities, KoopLab, Quartier Mobil, TransZ, ZUKUR

[2] www.watcraft.de

[3] www.lutherlab.de

[4] Initiative ergreifen ist ein Förderprogramm des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung (MHKBG) und Teil der Städtebauförderung. Schwerpunkte sind Projekte des bürgerschaftlichen Engagements und der Stadterneuerung. Weitere Informationen unter https://initiative-ergreifen.de/

[5] Siehe zum Reallaboransatz im Projekt Bunse / Meyer 2018b. Zum allgemeinen Verständnis von Reallaboren siehe u. a. Di Giulio, A./Defila, R. (2018). Transdisziplinär und transformativ forschen. Springer Fachmedien

Literatur

Brandt, M.; Butzin, A.; Gärtner, S.; Hennings, G.; Meyer, K.; Siebert, S. & Ziegler-Hennigs, C. (2017). Produktion zurück ins Quartier? Neue Arbeitsorte in der gemischten Stadt. Gelsenkirchen. Online verfügbar unter https://www.iat.eu/aktuell/veroeff/2017/Produktion-zurueck-ins-Quartier.pdf.

Bunse, J. & Meyer, K. (2018a). Kirchengebäude als Element der Baukultur. In: RaumPlanung: Fachzeitschrift für räumliche Planung und Forschung, Nr.198, S. 42–47

Bunse, J. & Meyer, K. (2018b). Urbane Produktion im Reallabor. In: S. Schaefer / A. Lindner / H. Schröder/ D. Dangel (Hrsg.) Quartiersforschung im Fokus der Wohnungswirtschaft: Trends und Entwicklungsperspektiven. Lemgo: Rohn, S. 99 – 112

Rosenberger, M. (2017): Fachkonzept Produktive Stadt. STEP 2025. Wien. Online verfügbar unter https://www.wien.gv.at/stadtentwicklung/studien/pdf/b008500.pdf.

Schäpke, N.; Stelzer, F.; Caniglia, G.; Bergmann, M.; Wanner, M.; Singer-Brodowski, M. et al. (2018). Jointly Experimenting for Transformation? Shaping Real-World Laboratories by Comparing Them. In: GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society 27 (1), S. 85–96. DOI: 10.14512/gaia.27.S1.16.

Schneidewind, U.; Augenstein, K.; Stelzer, F. & Wanner, M. (2018). Structure Matters: Real-World Laboratories as a New Type of Large-Scale Research Infrastructure: A Framework Inspired by Giddens‹ Structuration Theory. In: GAIA – Ecological Perspectives for Science and Society 27 (1), S. 12–17. DOI: 10.14512/gaia.27.S1.5.

Schonlau, M.; Meyer, K. & Lindner, A. (2019). Erfolgsfaktoren und Hemmnisse Urbaner Produktion. In: M. Schrenk; V. V. Popovich; P. Zeile; P. Elisei; C. Beyer; J. Ryser (Hrsg.): REAL CORP 2019 Tagungsband; 2.-4. April 2019; S. 291 – 301.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin (2018). Stadtforum Berlin Wirtschaft! https://www.youtube.com/watch?v=cv3VfWapEP0&list=PLGaBIMOQv9DRDU_2uKG3Lc5ptymSFKLVu

Walter, M. (2009): Participatory Action Research. In: Social Research Methods, Chapter 21. Oxford.