Auf Augenhöhe

Peter Lau
Nachdruck aus dem Wirtschaftsmagazin
brand eins – Thema Innovation 2016

Die Ziele legt die Stadtverwaltung fest. Doch wie sie erreicht werden, entscheiden alle gemeinsam. So wurde Malmö zu einer der innovativsten Städte der Welt. [...]

 

Es gibt kein Grund zu existieren, wenn man nicht für irgendetwas gebraucht wird. Deshalb muss eine Gesellschaft so organisiert werden, dass jeder gebraucht wird. Wir verlangen gebraucht zu werden!

Motto des Jahresberichts 2013 der Kommission für sozial nachhaltiges Malmö

Nachdem die Werft zu war, hat die Stadt das Land gekauft, und als wir den neuen Stadtteil zu planen begannen, mussten sich die Immobilien-Entwickler dafür bei uns bewerben. So konnten wir sie in Konkurrenz zueinander setzen: Wer baut am nachhaltigsten? Und wer schafft das am günstigsten? Viele Entwickler verstanden nicht, was wir wollten. Die ersten Häuser im Westhafen wurden auch nicht als ,nachhaltig‘ beworben – keiner dachte, dass das jemanden interessiert. Doch wir haben 2001 eine internationale Bauausstellung ausgerichtet, und so hatten die Bauherren einen Anreiz, mehr als das Nötigste zu tun – ihre Gebäude würden ein internationales Publikum haben. Außerdem haben wir Förderungen beschafft, was die Kosten verringerte.

Ganz wichtig für den Prozess war, dass alle Beteiligten miteinander geredet haben. Wir haben dafür ein Format entwickelt, das wir den guten Dialog nennen. Wir haben alle Parteien, die an der Entwicklung des Viertels beteiligt waren, überzeugt, sich zusammenzusetzen und gemeinsam zu überlegen, wie etwa die Entsorgung aussehen soll oder das Parksystem. Am Anfang hatte kaum einer daran Interesse – niemand wollte mit der Konkurrenz kooperieren. Inzwischen ist jedem klar, dass so eine Zusammenarbeit allen etwas bringt.

Der Westhafen war eine ideale Situation, denn als wir anfingen, lebte dort keiner: Die gesamte Infrastruktur war völlig offen. Das große Problem für Städte wie Malmö ist aber nicht, dass sie neue Viertel bauen, sondern alte Quartiere sanieren müssen. Mit Augustenborg hat die Stadt 1998 begonnen. Schon damals haben wir auf die Kooperation mit den Anwohnern gesetzt. Wir haben Workshops organisiert und Nachbarschaftstreffen, um herauszufinden, was die Leute wollen. Und dabei sind wir bis heute geblieben.

Ganz wichtig neben der ökologischen Nachhaltigkeit ist uns die Verbesserung des sozialen Umfelds. In Rosengård, dem Viertel, das wir nach Augustenborg angegangen sind, ging es zwar zuerst einmal um die nachhaltige Sanierung der Häuser und der Infrastruktur, aber der Stadtteil sollte auch insgesamt attraktiver werden. Dafür haben wir viel getan, zum Beispiel haben wir mit Urban Farming begonnen: Die Anwohner können jetzt in den Hinterhöfen, die früher oft recht verwahrlost waren, Gemüse anbauen. Am Anfang standen die meisten Vermieter dem Projekt skeptisch gegenüber. Sie waren sicher, die Gärten würden schon in der ersten Nacht zerstört werden. Tatsächlich hatten wir nie ein Problem mit Vandalismus.

Zurzeit sanieren wir Lindängen, ein Viertel mit vielen Plattenbauten. Dort sind die Häuser alt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Einige Vermieter würden gern neu bauen, und so verhandeln wir mit ihnen: Wir verkaufen ihnen sehr günstig ehemalige Parkplätze als Baugrund, wenn sie im Gegenzug Arbeitslose aus dem Viertel für den Hausbau anstellen. Es werden Häuser mit großen Wohnungen, in denen man Kinder aufziehen kann, denn das ist ein weiteres Problem: Die Wohnungen im Viertel sind zu klein, sodass Familien mit Kindern, die genug Geld haben, die Gegend verlassen. Es geht uns eben nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit – wir müssen auch sozial und wirtschaftlich vorausdenken.

Mit der Zeit sind die Kooperationen mit Bürgern und der Wirtschaft immer einfacher geworden. Jeder weiß inzwischen, dass die Stadt ihre Versprechen hält und ihre Projekte zügig umsetzt. Wir brauchen nicht lange, bis wir eine Idee wahr gemacht haben. Außerdem besorgen wir zuverlässig Fördergelder. Heute warten die Hausbesitzer und Unternehmen geradezu auf neue nachhaltige Pläne von uns, weil sie wissen, dass unsere Stadt damit attraktiver wird.

 

Viele Firmen betrachten Malmö mittlerweile sogar als eine Art Labor, in dem man Sachen ausprobieren kann. Ein Immobilien-Entwickler hat im Westhafen zwei exakt gleiche Häuser gebaut – das eine ein Niedrigenergiehaus, das andere ein Passivhaus. Er wollte wissen, welche Technologie im Alltag effizienter ist. Das Passivhaus erwies sich als besser, und so bauen sie diese Häuser nun überall in Schweden.“

Malmös Entwicklung ist kein Zufall.

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