Wirtschaftsförderung 4.0

Dr. Michael Kopatz
Projektleiter »Wirtschaftsförderung 4.0« am Wuppertal Institut

Das Projekt »Wirtschaftsförderung 4.0« möchte die regionale Wertschöpfung in Osnabrück (Stichwort: »Made in Osnabrück«) und kooperative Wirtschaftsformen systematisch fördern. Das stärkt die regionale Wirtschaftsstruktur. Flankierendes Ziel sind Klimaschutz und ein sparsamer Umgang mit Ressourcen. Das Wuppertal Institut leitet die Forschungsarbeiten des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes.

 

Das Konzept der »Wirtschaftsförderung 4.0« [1] betrachtet die gesamte Wirtschaft der Stadt Osnabrück und der Region und geht damit über die reine Unternehmensförderung hinaus. Zentraler Akteur des  Handlungskonzeptes ist kommunale Wirtschaftsförderung. Denn die Geschäftsfelder der Wf4.0 bergen Potenziale zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen, nicht nur ehrenamtlich, sondern auch für den Lohnerwerb. Beispielsweise sind durch den Boom beim Carsharing viele Jobs entstanden. »Alternative Energien« wurden lange Zeit belächelt, inzwischen sichern sie das Auskommen von hunderttausenden Handwerkern und Ingenieuren. Beide Entwicklungen haben ihren Ursprung in bürgerschaftlichem Engagement. Zudem tragen viele lokale Initiativen mit ihren innovativen Geschäftsmodellen zur wirtschaftlichen Stabilität bei.

Zudem tragen viele lokale Initiativen mit ihren innovativen Geschäftsmodellen zur wirtschaftlichen Stabilität bei.

Wie solche Geschäftsmodelle gestärkt werden können, damit wachsen und bekannter werden, das wird im Laufe des Projektes analysiert und modellhaft erprobt.

Die Formulierung »gesamte Wirtschaft« zielt darauf ab, dass Ökonomie die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen ist, die »der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dienen. Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören Unternehmen, private und öffentliche Haushalte, zu den Handlungen des Wirtschaftens Herstellung, Absatz, Tausch, Konsum, Umlauf, Verteilung und Recycling / Entsorgung von Gütern.«[2] Es geht also nicht allein um Geld-basierten Austausch. Das wird schon dadurch deutlich, dass mehr als die Hälfte aller geleisteten Arbeit nicht bezahlt wird, etwa für Betreuung von Kindern, Pflege von Angehörigen oder die Betreuung von Jugendgruppen. Ohne diese Formen der Wirtschaft könnte auch der gewerbliche Bereich nicht existieren.[3]

Die Vorzüge der Wf4.0

Das Konzept der »Wirtschaftsförderung 4.0« fördert

  • die urbane und regionale Produktion,
  • die Bindung von Warenverkehr und Dienstleistungen an die Region,
  • das Teilen von Ressourcen, Produkten oder Räumen
  • sowie Kooperation, Eigeninitiative und Selbsthilfe

Diese Strategien helfen, nachhaltige Wirtschafts- und Lebensformen aufzubauen. Sie haben positive Auswirkungen auf die wirtschaftliche und soziale Stabilität.

Arbeitsplätze sichern und schaffen

Die systematische Förderung der Regionalwirtschaft, etwa in Form von BuyLocal- Initiativen sichert Arbeitsplätze im Einzelhandel und stärkt diesen gegenüber dem Onlinehandel. In Osnabrück gibt es die Initiative »Heimatshoppen«. Eine Kampagne dazu läuft jedoch nur zwei Tage im Jahr. Wf4.0 möchte diesen Ansatz systematisch und ganzjährig verfolgen.

Für sehr viele Maßnahmen der Wf4.0 gibt es populäre Beispiele mit Relevanz für den unmittelbaren Arbeitsmarkt. Beispielsweise können sich Reparaturwerkstätten zu einem Reparaturnetzwerk wie in Wien entwickeln.[4] Dort haben gewerbliche Reparaturbetriebe allein im Jahr 2017 45.000 Reparaturen durchgeführt (Stand Oktober 2017). Das hat arbeitsmarktpolitische Effekte für das Handwerk und beförderte den achtsamen Umgang mit Ressourcen. Die RecyclingBörse in Herford[5] wird von monatlich 20.000 Menschen aufgesucht. Knapp 150 Mitarbeiter werden dort qualifiziert und beschäftigt.

Das RepairCafé Osnabrück hat im Moment noch eher ein Nischendasein. Wf4.0 erörtert zusammen mit solchen Initiativen bzw. »Startups« die relevanten Unterstützungsmöglichkeiten und befördert die Umsetzung. Anvisiert werden Reparaturwerkstätten in Schulen. In Kooperation mit der Handwerkskammer sollen diese bei der Rekrutierung für Betriebe im Elektrohandwerk dienen.

Eine Selbsthilfewerkstatt oder einen »MakerSpace« (eine Art offene Werkstatt) gibt es ebenfalls noch nicht in Osnabrück. Auch das ist Ziel der Wf4.0, die Einrichtung solcher Möglichkeiten zu initiieren. Es ergeben sich diverse Synergien zu etablierten Betrieben.

In Osnabrück gibt es viele lokale Produzenten (Kaffee, Taschen, Anzüge etc.), die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Die Wf4.0 Geschäftsstelle in Osnabrück hat inzwischen einen PopUp-Regionalladen initiiert (PopUp steht für ein temporäres Ladengeschäft). Ein dauerhafter Regionalladen soll weiter dazu beitragen die Produkte und Hersteller bekannter zu machen. Diese beginnen sich derweil zu vernetzen. Ein Web-Verkaufsplattform wird angedacht und vieles mehr. Gecoacht wird das ganze durch die Wf4.0.

Ebenso hat das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft gegenwärtig den Ruf, ein Nischenthema zu sein. Faktisch sichert es zusätzliche Arbeitsplätze und verhindert, dass die umliegenden Landwirte sich dem Wettbewerb um Dumpingpreise aussetzen müssen. Zudem bindet die Direktvermarktung Rendite an die Region, verkürzt Wertschöpfungsketten und leistet einen Beitrag zum Klimaschutz. Woran es hakt, sind aktive Förderimpulse aus den Städten und Regionen.

 

Die Wf4.0 bietet auch eine Antwort für die Trends Altersarmut und Pflegenotstand.

Wirtschaftliche und soziale Sicherheit stärken

Die Städte und Regionen stehen vor neuen Herausforderungen: Onlinehandel, Marktsättigung, elektrische und autonome Mobilität, Demographischer Wandel, 3D-Druck. Von der Digitalisierung erwarten viele Experten, dass etwa künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge enorme Jobverluste mit sich bringen werden. Die CEOs von großen Konzernen, und auch viele konservative Ökonomen, denken laut über Grundeinkommen nach. Schließlich müssten die Menschen irgendwie abgesichert werden. Sie sollen auch konsumieren können, andernfalls geht die Nachfrage zurück. Möglich sei das, schließlich würde der Wohlstand weiter zunehmen.

Es scheint ungewiss, ob so eine Strategie aufgehen wird. Sicher ist aber, dass die Maßnahmen der Wf4.0 auch dann tragfähig sind, wenn es zu drastischen Umbrüchenauf dem Arbeitsmarkt kommt.Es ergeben sich Möglichkeiten für dendirekten Austausch von Leistungen undProdukten, die besonders für Menschenmit Teilzeitbeschäftigung oder geringemEinkommen von Interesse sind. Dennweniger Zeit für Erwerbsarbeit bringtmehr Zeit für kooperative Arbeitsformenmit sich. 

Die Wf4.0 bietet auch eine Antwortfür die Trends Altersarmut und Pflegenotstand.Wie darauf reagiert werdenkann, basierend auf gesellschaftlichemEngagement, das zeigt exemplarisch dieWüsteninitiative e. V., einem Verein zurFörderung der Quartiersentwicklung imStadtteil Wüste in Osnabrück. Aus demVerein ging später ein lokaler Pflegediensthervor.[6]

Indem die Wf4.0 solche Initiativen unterstützt, leistet die Wf4.0 leistet einen Beitrag dazu, dass auch Menschen mit wenig Geld zurecht kommen.

Rekrutierungspotenziale ausbauen

Mit harten Standortfaktoren können sich die Kommunen kaum noch gegenseitig ausstechen. Zugleich wird es gegenwärtig immer schwieriger qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Das bremst die lokale Wirtschaft. Die sogenannten »weichen« Standortfaktoren wurden oft belächelt. Heute können sie entscheidend sein.

Für hoch qualifizierte Menschen, die sich ihren Arbeitsort aussuchen können, sind nicht nur Kindergärten und Kultur von Interesse. Relevant ist auch, was sich in einer Stadt tut. Wie engagiert und vernetzt sind die Menschen? Wichtig ist auch die Stimmung und der soziale Zusammenhalt. Die Initiativen der Wf4.0 zeigen: Hier passiert was! Hier sind Menschen, die sich mit ihrer Stadt identifizieren. Kooperative Wirtschaftsformen praktizieren im Moment vor allem die besonders gut qualifizierten Bürger. Hier werden Unternehmen mit ihren Rekrutierungsstrategien eher Erfolg haben.

Manche Zusammenhänge werden erst bei näherer Betrachtung deutlich. Ein Beispiel ist der oben schon erwähnte Ansatz, dass das Handwerk RepairCafés als Teil ihrer Rekrutierungsstrategie nutzen.

Wf4.0 versus Rechtspopulismus

Nationalisten predigen Abschottung und das Gegeneinander der Völker und Volksgruppen. Das Konzept der Wf4.0 setzt hier einen Kontrapunkt. Regionale Produkte, Teilen, Tauschen, Verschenken, Kooperieren, Selbsthilfe all dies stärkt das Gemeinschaftsgefühl, den sozialen Zusammenhalt. Die Menschen kommen sich viel näher als gewöhnlich. Egal was man teilt, ob Ressourcen, Produkte oder Räume, die Menschen kommen miteinander in Kontakt, das Zugehörigkeitsgefühl wird gestärkt, man ist Mitglied einer Gemeinschaft.

Viele Anhänger von nationalistischen Bewegungen fühlen sich von der Gesellschaft schlecht behandelt, fürchten Globalisierung, Fremdbestimmung und Migration. Es dominiert ein Gefühl der Ohnmacht gegen die »da oben«. Die Maßnahmen der Wf4.0 befördern Erfahrungen der Selbstwirksamkeit. Das heißt, sie stärken die Überzeugung, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können. Konkrete Projekte und Maßnahmen bringen den Eindruck mit sich, etwas mit Erfolg abschließen zu können. Sie vermitteln das Gefühl, etwas geschafft zu haben. 

Übrigens: Der Bürgermeister von Seoul hat das Teilen und Tauschen zur stadtpolitischen Leitstrategie erhoben, um etwas gegen die extrem hohe Selbstmordrate zu unternehmen. Zugleich sieht man darin einen Beitrag zur Nachhaltigen Entwicklung der Stadt.[7]

 

Wf4.0: Emanzipation der Subsidiarität

Die »Wirtschaftsförderung 4.0« ist ein starkes Plädoyer für die politische und ökonomische Subsidiarität der Regionen. Ziel ist nicht die möglichst vollständige Selbstversorgung (»Subsistenz«). Vielmehr geht es um Selbstbestimmung, Eigenverantwortung und Hilfe zur Selbsthilfe. Grundsatz: Eine Regelung auf höherer Ebene ist nicht erforderlich, wann immer etwas auf unterer Ebene besser oder gleich gut geregelt werden kann. Im Ökonomischen gilt entsprechend, dass Güter im Nah-Raum hergestellt werden, wann immer dies praktisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll ist. Das Konzept richtet sich nicht gegen Globalisierung oder gegen die sozial Benachteiligten. Wf4.0 fördert Lokalpatriotismus und die Identifikation mit der Region. Städte und Region können nur gewinnen.

Wf4.0 im Forschungsnetzwerk des BMBF

Die bereits durchgeführten Expertengespräche mit Vertretern von Wirtschaftsförderungen zeigen im Ergebnis: Eine verstärkte Vernetzung und Professionalisierung von Initiativen würde begrüßt und bei entsprechenden Kapazitäten auch unterstützt. Entscheidend sei jedoch, so die einhellige Einschätzung, die Formulierung des politischen Auftrags und die Koordination mit den zuständigen Stellen im städtischen System.

Für hoch qualifizierte Menschen, die sich ihren Arbeitsort aussuchen können, sind nicht nur Kindergärten und Kultur von Interesse. Relevant ist auch, was sich in einer Stadt tut.

Die Geschäftsfelder der Wf4.0

Die »Wirtschaftsförderung 4.0« ergänzt die klassischen Strategien der etablierten Wirtschaftsförderung. Nach und nach hat sich das Handlungsspektrum um die Bereiche Bestandspflege, Clustermanagement und Kreativwirtschaft erweitert. Zahlreiche Maßnahmen der Wf4.0 sind hier bereits verankert. So etwa die Förderung von Nachhaltigen Unternehmen. Das Projekt zeigt, inwiefern sich der gegenwärtige Leistungskatalog der Wirtschaftsförderung sinnvoll erweitern lässt. Weitere Informationen unter: www.wirtschaftsfoerderungviernull.de

Abbildung 1: Geschäftsfelder der Wirtschaftsförderung 4.0 (Quelle: Eigene Darstellung)

[1] Der Titel »Wirtschaftsförderung 4.0« basiert auf einer Abhandlung mit dem Titel »Wirtschaftsförderung 3.0« und versteht sich in Anlehnung an das Zukunftsprojekt »Industrie 4.0«, mit dem die Bundesregierung die Digitalisierung der Industrie fördern will.

[2] www.wikipedia.de: Wirtschaft (07.11.2017).

[3] Statistisches Bundesamt (2015): Wie die Zeit vergeht. Ergebnisse zur Zeitverwendung in Deutschland 2012/2013.

[4] https://www.reparaturnetzwerk.at/

[5] https://www.recyclingboerse.org/filialen/recycling-boersen/herford

[6] https://www.noz.de/lokales/osnabrueck/artikel/1412999/initiative-gegen-einsamkeit-gruene-wollen-nachbarschaften-in-osnabrueck-staerken

[7] http://english.seoul.go.kr/policy-information/key-policies/city-initiatives/1-sharing-city/